Legal AI: Kaufen oder selbst bauen?
Harvey, Noxtua, Libra oder Legora – oder eigene Skills? Kriterien für deutsche Kanzleien nach Mandatsprofil, Datenquellen, Hosting und Teamgröße.
Legal AI kaufen oder selbst bauen? Die Antwort hängt von Mandatsprofil, Datenquellen, Teamgröße und dem konkreten Workflow ab, nicht vom Hype. Harvey, Noxtua, Libra und Legora bedienen in Deutschland unterschiedliche Segmente; viele kleine und mittlere Kanzleien bilden ihre wiederkehrenden Abläufe zusätzlich oder stattdessen als eigene Skills am Laptop ab. Dieser Artikel stellt beide Wege mit denselben Kriterien nebeneinander.
Welche Legal-AI-Anbieter sind in Deutschland sichtbar?
Vier Namen tauchen in Partnerrunden deutscher Kanzleien regelmäßig auf. Die Tabelle fasst zusammen, wie die Anbieter sich selbst beschreiben oder wie die Fachpresse sie einordnet – keine Bewertung:
| Anbieter | Herkunft | Positionierung laut Anbieter / Presse |
|---|---|---|
| Harvey | USA | Enterprise-Plattform mit Agents, Vault und Knowledge; deutsche Referenzen Gleiss Lutz, Hengeler Mueller |
| Noxtua | Berlin | „Europe's Legal AI“; Rechenzentren europäischer Partner, Verlagspartnerschaften, verweist auf § 43e BRAO und § 203 StGB |
| Libra | Berlin | KI-Workspace mit Chat, Assistenten und Workflows; Übernahme durch Wolters Kluwer im November 2025 angekündigt |
| Legora | Stockholm | Kollaborative Plattform für Prüfung, Recherche und Entwurf; laut Handelsblatt mit Milliardenbewertung |
Alle vier sind Plattformen: Die Kanzlei bringt Fragen und Dokumente hinein, der Anbieter stellt Modelle, Oberfläche, Hosting und Vertrag. Der Weg der Werkstatt ist ein anderer: Claude oder Codex als Werkzeug, eigene Skills als Ablauf, öffentliche Quellen als Datenbasis. Die Einordnung von Harvey steht ausführlich in Harvey Legal AI für deutsche Kanzleien.
Wann greifen Kanzleien zu einer Plattform?
Drei Konstellationen kehren in den Referenzfällen der Anbieter wieder:
- Größeres Team – viele Nutzer brauchen zentrale Nutzerverwaltung, Audit-Logs und einheitliche Workflows über Standorte hinweg.
- Verlagsinhalte und Fundstellen – Kommentare, Handbücher und Zeitschriften per Retrieval statt nur öffentliche Quellen; Noxtua und Libra positionieren sich hier über Verlagspartnerschaften.
- DMS-Integration und Bulk-Review – Dokumente liegen in iManage oder NetDocuments; Hunderte Verträge einer Transaktion werden in einem Durchgang gesichtet.
Was die Anbieter laut ihren Websites mitliefern: Vertrag in Textform mit Verschwiegenheitsverpflichtung im Sinne von § 43e BRAO, Hosting-Angaben, Zertifizierungen. Was in jedem Fall bei der Kanzlei bleibt: fachliche Endkontrolle und Verantwortung für den Schriftsatz.
Konkretes Beispiel: Eine Wirtschaftskanzlei mit mehreren Standorten und monatlich mehreren Due-Diligence-Paketen arbeitet mit einem Plattform-Piloten in einer Praxisgruppe. Ausgabe ist eine Klauseltabelle mit Fundstellen, geprüft von den zuständigen Associates. Eine Sozietät mit fünf Anwälten und wiederkehrenden Klageerwiderungen erreicht die vergleichbare Anlagen-Tabelle mit einem dokumentierten Skill am Laptop.
Wann bauen Kanzleien eigene Skills?
In der Montag-Werkstatt bauen Anwälte Skills selbst, wenn drei Bedingungen zusammenkommen:
- Der Anwendungsfall ist eng umrissen – Rechtsprechung vorsortieren, Anlagen inventarisieren, Schriftsatz gegenlesen, Fristenliste aus Testdokumenten ziehen.
- Die Daten sind öffentlich oder Testmaterial – Entscheidungen aus Rechtsprechung im Internet, Normen aus Gesetze im Internet, anonymisierte Musterakten; keine Mandantendaten im Workshop.
- Wiederholbarkeit zählt mehr als Skalierung – derselbe Ablauf jeden Montag für drei Akten, nicht zweitausend Verträge in einer Nacht.
Wie ein Skill aufgebaut ist – Rolle, Schritte, Ausgabeformat, Fehlerliste – steht in KI-Agents und Skills für die Kanzlei. Die Skill-Datei liegt als Markdown im Projektordner und ist damit lesbar, versionierbar und unabhängig vom Anbieter.
Beispiel aus dem Workshop: Vier Anwälte einer Sozietät bauen am Vormittag einen Rechtsprechungs-Skill: Suchanfrage in openJur, Treffer als Tabelle mit Aktenzeichen, Datum, Leitsatz und Link. Am Nachmittag prüft jeder Teilnehmer die Tabelle gegen die Volltexte und protokolliert, welche Zeilen der Skill falsch oder unvollständig geliefert hat.
Welche Kriterien stehen in beiden Fällen auf der Liste?
Unabhängig von Plattform oder eigenem Skill tauchen dieselben sieben Fragen in Partner- und IT-Runden auf:
- Welcher Workflow kostet wie viele Stunden pro Woche?
- Welche Daten fließen ein – öffentliche Quellen, Testmaterial oder Mandatsakten?
- Wo wird verarbeitet – Region, Anbieter, Subunternehmer laut Vertrag?
- Wird auf Eingaben trainiert – und steht das im Vertrag?
- Wer prüft die Ausgabe – feste Person, dokumentierte Freigabe?
- Welche KI-Kompetenz ist vorhanden – Art. 4 der Verordnung (EU) 2024/1689 nennt sie als Betreiberpflicht?
- Wie ist die Berufshaftpflicht formuliert – welche Prozesse deckt die Police ab?
Plattformen beantworten Frage 3 und 4 mit ihrem Vertragswerk; bei eigenen Skills liefern die Nutzungsbedingungen je Werkzeug die Antwort. Frage 5 und 6 bleiben in beiden Fällen Kanzleisache – Details in KI-Governance: Was der AI Act verlangt.
Konkretes Vorgehen aus dem Workshop: Teilnehmer legen pro Workflow eine Zeile an – Mandatstyp, Stunden pro Woche, Datentyp, Ausgabeformat – und vergleichen erst danach Anbieter. Nach vier Wochen Skill-Einsatz wird die Zeile mit der gemessenen Zeit aktualisiert.
Wie sieht eine Vergleichsmatrix aus?
Die Matrix ersetzt keine Vertragsverhandlung, sortiert aber das Gespräch – jede Zeile als Frage: Wo steht die Kanzlei heute, wo in zwölf Monaten?
| Kriterium | Plattform (Harvey, Noxtua, Libra, Legora) | Eigene Skills (Werkstatt) |
|---|---|---|
| Teamgröße | Lizenzmodelle laut Anbieter | 1 bis 15 Nutzer, fokussierte Workflows |
| Daten | Mandatsakten im DMS, Bulk-Review | öffentliche Quellen, Testdokumente |
| Recherche | Verlagsinhalte per Retrieval | Rechtsprechung im Internet, openJur, Gesetze im Internet – Volltext liest der Anwalt |
| Kosten | Lizenz pro Nutzer und Jahr | Workshop 1.990 € netto plus laufende Modellkosten |
| Vertrag | Anbieter-AGB, Textform nach § 43e BRAO | Nutzungsbedingungen je Werkzeug |
| Governance | zentrale Plattform, Audit-Log | eigenes Inventar, eigene Richtlinie |
Beispiel Sozietät: Anlagen-Nummerierung für Klageerwiderungen – Skill mit Tabelle reicht. Grenzüberschreitende Due Diligence mit tausend Verträgen – Plattform-Pilot in der Praxisgruppe. Beide Wege enden gleich: Ein Anwalt liest, prüft, gibt frei.
Häufige Fragen
Diese Antworten fassen die Kaufen-oder-bauen-Fragen zusammen, die Partnerrunden kleiner und mittlerer Kanzleien in Deutschland am häufigsten begleiten.
Ist Noxtua für deutsches Recht automatisch passender als Harvey?
Die beiden Anbieter positionieren sich unterschiedlich: Noxtua mit europäischem Hosting und deutschen Verlagsinhalten, Harvey mit internationalen Großmandaten und Enterprise-Modulen. Welche Positionierung zum eigenen Mandatsprofil passt, ergibt sich aus den sieben Fragen oben – nicht aus dem Herkunftsland.
Kann eine Kanzlei erst bauen und später kaufen?
Ja, und das ist der häufigste Weg in der Werkstatt. Dokumentierte Skills zeigen nach wenigen Wochen, welche Abläufe wirklich Zeit kosten und welche Datenquellen fehlen. Diese Liste ist später die Anforderungsliste für ein Plattform-Gespräch.
Was ist mit Claude oder ChatGPT direkt im Browser?
Im Workshop arbeiten Teilnehmer mit Claude oder Codex – aber ausschließlich mit öffentlichen Quellen und Testdokumenten. Sobald Mandatsdaten ins Spiel kämen, greifen § 43a Abs. 2 BRAO, § 43e BRAO und § 203 StGB; die Nutzungsbedingungen des jeweiligen Werkzeugs sind dann Teil der Prüfung durch die Kanzlei.
Wo steht mehr zur Governance-Seite?
Inventar, KI-Kompetenz nach Art. 4 und Dokumentation der Freigabe: KI-Governance: Was der AI Act verlangt. Was beim Einsatz konkret zu beobachten ist, beschreibt Worauf Anwälte beim KI-Einsatz achten.